Diese Weihnachtsgeschichte ist längst überfällig. Maxine hat in „Sing to me – Wicked Love“ von Jaakko zu ihrem 16. Geburtstag einen Konzertbesuch geschenkt bekommen. Leider fand dieser Konzertbesuch wegen widriger Umstände nie statt. Zwei Jahre später holen sie das Ganze nach.

Hier findet ihr den kompletten Beitrag zum Adventskalender auf Sternenzauber18.de.

Weihnachtsgeschichte »Sing to me – Wicked love«
Für Chrissys Sternenzauber

Ich stehe in der Menge und lasse mich von dem Gefühl tragen. Um mich herum grölen die Fans laut, so laut, dass ich kein einziges Wort verstehen kann. Könnte ich sowieso nicht. Denn sie sprechen alle Finnisch, sowohl auf der Bühne, als auch in der Menge. Ich verstehe niemanden und trotzdem fühle ich mich wie unter Freunden. Die Euphorie greift auf mich über und ich werde mehr als einmal von einem riesigen Kerl mit Weihnachtsmütze gedrückt, angehoben und um die eigene Achse gewirbelt. Sami wurde als persönliche Leibwache von meinem Dad abgestellt. Er sollte mich keine Sekunde aus den Augen lassen und doch habe ich eher das Gefühl, als sei ich der Aufpasser für diesen zwei Meter großen Teddybären. Sami liebt Weihnachten und er liebt Metal. Und trotzdem scheint er noch nie ein Konzert direkt vor der Bühne verbracht zu haben.
Das Weihnachtskonzert in Tampere ist auch mein erstes. Letztes Jahr sind wir kurz vor dem Konzert wieder abgereist, weil ich der Mann, den ich bis vor einem Jahr noch gar nicht richtig gekannt habe, daneben benommen hat. Um es mal mit den Worten meiner Mutter auszudrücken. Seitdem ist eine Menge passiert. Das letzte Jahr war nicht nur von Verlusten durchsetzt, nein, meine Mom, meine Schwester und ich sind wieder zu so etwas wie einer Familie geworden – auch ohne Papa. Jaakko, der Typ, der sich auf der Bühne grad das Mikrophon krallt und in die Menge grinst, hat sich durch ständige, meist mehrere Wochen dauernde Besuche, als neue Konstante in unser Leben gedrängt. Ohne seinen Bass sieht er seltsam nackt aus. Seine Bewegungen wirken längst nicht so fließend. Er begrüßt die Menge mit einem finnischen grüß und wünscht allen ein tolles Konzert. Ich stehe nur einzelne Brocke, aber wenn man so viele Konzerte wie ich besucht hat, weiß man, was er sagt. Sein Blick schweift durch die Menge und als er meinen blonden Lockenkopf entdeckt und die schwarze Nikolausmütze von Sami – unübersehbar – zwinkert er uns kurz fröhlich zu. Ich erwidere seinen Gruß und die Mädels um mich flippen schier aus. Okay, ich schiele nach links, dann nach rechts. Sie kreischen und quietschen und hüpfen und Jaakko grinst noch breiter. Trotz seiner 52 hat seine Wirkung auf das weibliche Publikum nicht nachgelassen. Vor zwei Jahren hätte ich genauso kreischend in der Menge gestanden. Doch seitdem hat sich alles verändert.
Jaakko hebt den Arm und kündigt den ersten Song ein. Ein anderer Sänger betritt die Bühne, umarmt ihn und übernimmt das Mikrofon. Ich kann mir leider all ihre Namen nicht merken, aber ich weiß noch, dass er Jukha heißt. Als der erste Akkord einsetzt und die Band eine finnische Version von »Little Drummer Boy« anschlägt, natürlich die Metal-Version, zieht sich Jaakko dezent zurück und gesellt sich zu den Background-Sängerinnen. Er überlässt die Bühne Jukha.
Im Verlauf des Konzerts wird er auch noch ein oder zwei Songs singen, aber das Gros der Show wird von anderen finnischen Metal-Größen bestritten. Immer wieder wechseln sie sich ab, singen manchmal gemeinsam oder im Duett. Jaakko hat noch ein Duett mit einer finnischen Sängerin am Ende, was die Menge dazu veranlasst, die Handys als Lichtsignale zu schwenken. Das Konzert endet mit einem grandiosen stimmlichen Feuerwerk. Es hätte Stunden so weitergehen können. Nach zwei oder drei Zugaben – unter all dem Gegröle und Mitgesinge habe ich völlig vergessen, mitzuzählen – verlassen die Jungs und Mädels schließlich doch die Bühne. Niemand pfeift, es gibt stehende Ovationen und zum Abschluss kommen alle noch einmal an den Rand der Bühne und verbeugen sich vor dem Publikum. Dann fordern sie das Publikum auf, nochmal richtig für Stimmung zu sorgen, drehen uns den Rücken zu und machen selber Siegerposen. Die Fotos werden die sozialen Netzwerke fluten, so viel steht fest. Und ich war dabei.
Von Glückshormonen überflutet lasse ich mich von Sami hinter die Bühne führen. Sein breites Kreuz und seine tiefe Stimme sorgen dafür, dass die Menschen, die noch immer tanzen und jubeln, ohne viel Gegenwehr aus dem Weg gehen. Ich bin ziemlich erschöpft. Zwei Stunden jubelnd und schreiend vor der Bühne zu verbringen haben mich total ausgelaugt. Und diesmal beschwere ich mich bestimmt nicht, einen Schrank wie Sami als Geleitschutz zu haben. Hinter der Bühne treffe ich auf eine jubelnd auf und ab hüpfende Malin und meine Mom. Sie lächelt erschöpft, aber wirkt trotzdem ein wenig fröhlich. Weihnachten ist für uns keine leichte Zeit und ich bin dankbar, dass wir das Konzert in Tampere tatsächlich wahrnehmen. Letztes Jahr um diese Zeit war alles anders gewesen.
Für Mama ist es besonders schwer. Sie gibt sich uns zu liebe schrecklich viel Mühe, aber ich merke ihr an, wie schwer es ihr fällt.
Als Jaakko sich endlich von seinen Kollegen verabschiedet hat und ihr glücklich um den Hals fällt, ringt sie sich ein weiteres schwerfälliges Lächeln ab. Er legt ihr einen arm um die Schultern und führt uns nach draußen auf den abgesperrten Parkplatz hinter der Arena. Hier gibt es keine Fans, nur Security und die Fahrzeuge der Darsteller.
»Und wo fahren wir jetzt hin?« Malin hüpft aufgekratzt vor uns her.
»Ins Hotel natürlich«, antwortet Mama. »Du solltest längst im Bett sein.«
»Och nö«, mault meine Schwester. Jaakko wirft Mom einen fragenden Blick zu. Er fragt sie stumm, ob sie es alleine schafft. Mom hat tatsächlich schwerer mit Weihnachten zu kämpfen, als ich noch vor ein paar Wochen erwartet hatte. Wir haben lange überlegt, ob wir wirklich fahren sollten, zu viele nicht ganz einfache Erinnerungen stecken in diesem Konzert. Immerhin haben wir kurz danach von Papas Krankheit erfahren. Aber sie nickt, lächelt und hakt sich bei mir unter. »Alles okay«, murmelt sie und drückt meine Hand. Die nächsten Monate werden noch einmal schwer werden. Jaakko hat bis in den Februar frei und auch danach will er häufiger bei uns sein.
»Jetzt wird erst mal geschlafen!« Er schnappt sich Malin und wirbelt sie einmal quer durch die Luft. Meine Schwester quietscht begeistert auf.
»Und morgen? Was machen wir morgen?«, fragt sie,
Jaakko dreht sich zu uns um. »Ich dachte, ihr hättet vielleicht Lust, auf den Weihnachtsmarkt hier in Tampere zu gehen. Kimmis Schule veranstaltet ein kleines, weihnachtliches Theaterstück. Wenn dir das natürlich zu viel wird, können wir auch einen früheren Flug nehmen …«
Kimmi Jaakkos Sohn – und damit mein Halbbruder. Schlagartig wird mir bewusst, was das bedeutet. Ich habe einen Bruder und ich kenne ihn nicht. Jaakko hat mir mal ein Foto von ihm gezeigt und ich habe ihn im Fernsehen gesehen. Ein schüchterner blonder Junge.
Bittend sehe ich zu meiner Mutter. »Mom, bitte?«
Sie seufzt, doch sie nickt. Jaakko atmet erleichtert auf. Doch er will er noch eine weitere Rückzugsmöglichkeit geben. »Du musst nicht, ich kann auch mit Max und Malin gehen und du ruhst dich aus und …«
»Nein«, widerspricht Mom und strafft sich. »Er ist dein Sohn und wir sollten ihn und seine Mutter kennenlernen. Wir fliegen wie gebucht.«
Jaakko lächelt erleichtert, kommt zu uns und umarmt uns beide. »Das bedeutet mir wirklich viel. Danke.«